Die neue Erschöpfung.
Warum Menschen ausbrennen, obwohl sie funktionieren wollen. Und wie veraltete Arbeitsstrukturen eine erschöpfte Gesellschaft zusätzlich überfordern.
Wir leben in einer Zeit, in der die Welt schneller brennt, als wir atmen können. Krisen reißen nicht mehr ab, sie überlappen sich. Alltag wird überlagert von globalen Konflikten, steigenden Kosten, politischer Unsicherheit, digitaler Dauerbeschallung und einem Leistungsanspruch, der in jedem Lebensbereich präsent ist. Wir müssen gleichzeitig präsent sein, informiert, resilient, effizient, flexibel, empathisch, belastbar und natürlich auch noch gut gelaunt.
Trotzdem hält sich eine erstaunlich bequeme Behauptung: Menschen seien heute weniger belastbar. Gen Z könne nichts mehr ab. Früher habe man einfach „durchgezogen“.
Dieser Vergleich riecht nach dem Zigarettenrauch stickiger Meetingräume vergangener Zeiten, in denen Erschöpfung schlicht nicht vorkam, weil niemand sie benennen konnte.
Wer heute noch behauptet, Menschen seien empfindlicher geworden, übersieht den eigentlichen Punkt. Es ist nicht der Mensch, der fragiler geworden ist. Es ist das Umfeld, das explodiert ist. Wir jonglieren Rollen, Verantwortung, Informationsfluten und Erwartungen, die früher so nicht existierten – und arbeiten gleichzeitig in Strukturen, die so tun, als wären wir noch in dieser alten, überschaubaren Welt.
Die neue Erschöpfung entsteht im Zusammenspiel einer überhitzten Gegenwart mit Arbeitslogiken, die aus einer anderen Zeit stammen. Menschen versuchen zu funktionieren. Organisationen erwarten es. Genau in diesem Spannungsfeld entsteht eine Überforderung, die man nicht mit Disziplin lösen kann, weil sie nicht beim Individuum beginnt.
Dieser Artikel ordnet ein, was diese neue Erschöpfung auslöst, wie Unternehmen sie verstärken und was sich ändern muss – strukturell und individuell –, damit Arbeit überhaupt noch möglich ist, ohne Menschen auszubrennen.
Reizüberflutung als Normalzustand: Warum unser Nervensystem kollabiert
Ein gewöhnlicher Dienstag liefert heute mehr Input als frühere Generationen in mehreren Monaten erlebt haben. Wir sind nicht einfach empfindlicher geworden, sondern die Welt operiert in einer Dauerbeschallung, die kein Mensch dauerhaft verarbeiten kann. Nachrichten, Konflikte, Preise, Krisen, Eilmeldungen, Push-Benachrichtigungen und soziale Vergleiche treffen uns in einer Frequenz, die historisch ohne Vorbild ist. Jede freie Minute wird geflutet, jeder Leerlauf gefüllt. Stille existiert nur noch, wenn wir sie aktiv herstellen.
Der Körper reagiert darauf ziemlich zuverlässig:
Er geht in Alarm.
Atmung, Puls, Spannung. Alles fährt hoch. Aufmerksamkeit verengt sich, Optionen verschwinden, der innere Modus kippt auf Überleben.
Wenn dieser Zustand kein Ausnahmezustand mehr ist, sondern Alltag, passiert etwas Grundsätzliches: Menschen schlafen schlechter, denken unklarer, fühlen weniger Stabilität, sind gereizter oder schneller erschöpft. Und mit der Zeit wird aus Überlastung Krankheit. Innen wie außen. Entscheidungen werden impulsiver oder lethargischer, soziale Reibung steigt, Geduld und Kreativität bröckeln, Konfliktfähigkeit sinkt.
Wichtig ist ein Punkt, der in der öffentlichen Debatte gern unterschlagen wird: Nicht alle Menschen erleben diese Überforderung gleich. Wer finanzielle Sicherheit hat, wird anders getragen als jemand, der jeden Monat kämpfen muss. Wer Kinder hat oder Angehörige pflegt, erlebt Welt und Arbeit anders als jemand ohne Care-Verantwortung. Wer Diskriminierung, Unsicherheit, politische Bedrohung oder soziale Abwertung erlebt, trägt zusätzliche Lasten, die in keinem Leistungsgespräch auftauchen. Und ja, es ist auch tagesformabhängig. Erschöpfung ist kein statischer Zustand, sondern ein schwingendes System aus Ressourcen, Belastung und Privilegien. Und von oben lässt es sich prima über die Performance von “unten” urteilen, nicht?
Und genau hier beginnt der blinde Fleck vieler Organisationen.
Arbeit ist im Kapitalismus ein nicht unerheblicher Lebensbereich – sie ist Zentrum, Taktgeber, Existenzgrundlage. Sie entscheidet darüber, wie viel Zeit, Geld, Energie, Selbstwirksamkeit und Sicherheit Menschen haben. Wenn dieser Bereich erheblichen Druck verursacht, Unsicherheit erzeugt oder Menschen systematisch überfordert, verstärkt er eine Erschöpfung, die längst von außen kommt.
Die Arbeitswelt spielt also einen erheblichen Teil dieser Geschichte. Nicht, weil Menschen zu wenig leisten wollen, sondern weil Strukturen zu viel verlangen. Wer das ignoriert, landet schnell bei der bequemen Erklärung „Faulheit“. Wer genauer hinsieht, erkennt: Menschen kollabieren nicht, weil sie faul oder schwach sind, sondern weil sie in Systemen funktionieren müssen, die für die Realität von heute nicht gebaut wurden.
Arbeitswelt im Stressmodus: Wie Organisationen Erschöpfung verstärken
Trotzdem sitzen Führungskräfte und HR vor steigenden Krankenständen und stellen die immer gleiche Frage:
„Warum performen unsere Leute nicht?“ !!!!11!!!1!
Vielleicht liegt es daran, dass Belastbarkeit kein Charakterzug ist, sondern ein Nebenprodukt guter Bedingungen.
Vielleicht liegt es daran, dass Belastbarkeit in Systemen entsteht, die Anspannung und Erholung voneinander unterscheiden.
Vielleicht auch daran, dass kein Mensch dafür gemacht ist, gleichzeitig globale Krisen, wirtschaftlichen Druck, familiäre Verantwortung und eine übervolle To-do-Liste zu jonglieren.
Und während die Menschen versuchen, in diesem Ausnahmezustand ihren Alltag zu stemmen, wird politisch an den Belastungsreglern weitergedreht:
Mehr Arbeitsstunden. Sinkende reale Sozialleistungen. Weniger Unterstützung in der Pflege. Mehr Verantwortung in den Familien.
Die Wucht dieser Entscheidungen trifft nicht abstrakt, sondern sehr konkret diejenigen, die ohnehin die meiste Care-Arbeit schultern: Frauen, Eltern, pflegende Angehörige. Genau dort, wo die Last bereits maximal ist.
Ein gutes Beispiel aus der Führungspraxis macht das greifbar:
Vera, Anfang 30, eine vierjährige Tochter, Teilzeitjob, pflegt nebenbei ihre krebskranke Mutter. Ihr Mann ist dauernd beruflich unterwegs, familiäre Unterstützung gibt es kaum. Während die Mutter im Hospiz liegt, fällt das Kind in der Wintersaison alle zwei Wochen aus. Kita zu, Fieber, Infekt – der übliche Elternwahnsinn. Und mitten in diesem realen Leben soll ihre Leistung „fair“ beurteilt werden, gern im Vergleich zu einer kinderlosen Kollegin ohne Care-Aufgaben.
Natürlich schafft Vera weniger. Natürlich ist sie häufiger nicht verfügbar. Natürlich ist ihre Kapazität schwankend.
Aber sie bringt Erfahrung, Kompetenz und Kontextwissen, das man nicht einfach ersetzen kann. Der Vergleich ist falsch, das System dahinter noch falscher. So entsteht der Druck, der Menschen an ihre Grenze treibt, selbst wenn sie alles geben.
Und genau an dieser Stelle zeigt sich die Absurdität der Erzählung von der angeblich „fehlenden Belastbarkeit“ oder “geringen Performance”.
Denn während Menschen wie Vera längst über ihre Grenzen hinaus leisten – im Job, zu Hause, überall – wird öffentlich behauptet, die Performance sinke, weil „heute keiner mehr arbeiten will“.
Wer Erschöpfung als Faulheit deutet, verschiebt die Verantwortung auf das Individuum und macht die wahren Ursachen unsichtbar: Strukturen, die nicht mehr zu den Anforderungen der Zeit passen. Und spätestens die Daten zeigen, wie haltlos diese Mythen wirklich sind.
Mythen über „Faulheit“: Was Daten wirklich zeigen
Der Mythos, Menschen würden das System ausnutzen, hält sich erstaunlich hartnäckig. Als wäre Krankheit eine Entscheidung. Als sei Erschöpfung ein Lifestyle. Als ließe sich Burnout mit Willenskraft „wegmeditieren“.
Die großen Krankenkassen melden seit Jahren denselben Trend: psychische Erkrankungen steigen deutlich an, quer durch Branchen und Altersgruppen. Der AOK-Fehlzeitenreport zeigt einen Zuwachs von 47 Prozent seit 2014. Die TK meldet eine vergleichbare Entwicklung. Psychische Diagnosen gehören inzwischen zu den häufigsten Gründen für lange Ausfallzeiten.
Menschen, die psychisch erkranken, fehlen nicht zwei Tage wegen eines Schnupfens. Sie fehlen Wochen. Manchmal Monate.
Auch der Stammtisch-Verdacht vom großen „AU-Missbrauch“ hält keiner Prüfung stand. Das WIdO hat die telefonische Krankschreibung umfassend analysiert und keine Hinweise auf systematischen Missbrauch gefunden.
Ja, es gibt Einzelfälle, in denen Menschen Regeln dehnen. Die gibt es überall: Im Top-Management, im Mittelmanagement, im Lager, im Vertrieb und am Stammtisch. Aber Einzelfälle erklären keine 50-Prozent-Steigerung psychischer Erkrankungen.
Wer dann aber behauptet, psychische Erkrankungen könne man vortäuschen, zeigt in erster Linie ein miserables Menschenbild. Und kaum Verständnis von Medizin. Psychische Erkrankungen lassen sich nämlich sehr schlecht simulieren. Niemand täuscht über Wochen oder Monate hinweg Schlafstörungen, Panikattacken, Konzentrationsabbrüche, depressive Episoden oder schwere körperliche Stressreaktionen vor.
Kurz gesagt:
Missbrauch ist das Rauschen. Die Erschöpfung ist das System.
Und dieses System erzeugt Belastungen, die kein Mindset der Welt auffangen kann.
Die wahren Systemfehler: Meetings, Rollenunklarheit und toxische Leistungslogik
Es ist diese Arbeitswelt, die sich für modern hält, weil es ein Jobrad gibt, zwei Afterwork-Events im Jahr und ein Onboarding-Buddy, der in Woche drei selbst untergeht. Währenddessen läuft der eigentliche Alltag völlig ungebremst weiter: Ein Meeting jagt das nächste, der Kalender sieht aus wie ein Tetris-Endlevel, Rollen sind unklar, Verantwortlichkeiten verschwimmen, Prioritäten werden im Halbstundentakt neu verteilt, und niemand hat den Überblick, wer eigentlich wofür zuständig ist.
Führungskräfte selbst, vor allem im Middle-Management, stehen dabei mit dem Rücken zur Wand. Sie sind überlastet, überfordert und gleichzeitig damit beschäftigt, „Stabilität“ zu spielen. Dieses permanente Durchhalten wird gern als Stärke verkauft, obwohl es in Wahrheit ein langsamer Systemkollaps ist.
Es ist ein Arbeitsmodell, das Hochleistung predigt und Chaos produziert – und sich dann wundert, wenn Menschen irgendwann nicht mehr “funktionieren”.
Systemfehler 1: Alles muss messbar sein.
Und wenn dieses Chaos irgendwann spürbar wird, greifen Unternehmen reflexhaft zur härtesten Fehlannahme der modernen Arbeitswelt: Sie glauben, man könne Unklarheit durch Messbarkeit heilen.
Also wird alles operationalisiert, quantifiziert, durchanalysiert. Jede Tätigkeit, egal wie komplex, wird in KPIs gepresst, als ließe sich menschliche Arbeit durch Tabellen bändigen.
Der Denkfehler dahinter ist gewaltig.
Nicht alle Arbeit ist messbar. Nicht jede Tätigkeit lässt sich vergleichen. Arbeit hat unterschiedliche Zeithorizonte, unterschiedliche kognitive Anforderungen, unterschiedliche Wirklogiken. Trotzdem wird alles unter dem Deckmantel von „Performance“ in dieselben Raster gepresst. Als könnten Strategie, Kreativität oder Care-Arbeit die gleichen Werte ausspucken wie Fließbandproduktion.
Man fragt ernsthaft: „Wie viele Werbeanzeigen habt ihr diese Woche entwickelt?“. Das ist ungefähr so sinnvoll wie die Frage, wie viele Weltneuheiten in einen 30-Minuten-Slot passen.
Kreative Arbeit funktioniert völlig anders. Sie ist qualitativ, nicht quantitativ. Eine einzige gute Idee verändert mehr als hundert mittelmäßige.
Strategie wiederum braucht Leerräume. Man kann kluges Denken nicht auf Taktung trimmen. Tiefe entsteht dort, wo das Gehirn Raum hat, Zusammenhänge zu bilden, Hypothesen zu prüfen, Unschärfe zuzulassen.
Innovation ist per Definition verschwenderisch. Und Exploration – also lesen, beobachten, ausprobieren, verwerfen – ist kein Zeitfresser, sondern die Grundvoraussetzung für jede Form von Fortschritt.
Komplexität wird ignoriert, Qualität bestraft, Tiefe unsichtbar gemacht.
Genau hier liegt das Problem vieler Organisationen: Sie erzeugen durch verzweifeltes Messen zuverlässig Druck und im Output Mittelmaß.
Systemfehler 2: Lineare Systeme vs. zirkuläre Realität
Lineare Systeme gehen davon aus, dass Leistung planbar und gleichförmig ist. Sie erwarten Stabilität, konstante Verfügbarkeit und immer gleiche Output-Raten. Menschen funktionieren so nicht. Menschen haben Zyklen. Sie haben hormonelle Schwankungen, kreative Wellen, emotionale Ausschläge, Erschöpfung, Sorgen, Schlafmangel, Verantwortung außerhalb der Arbeit und biologische Rhythmen, die nicht in ein Excel-Sheet passen.
Wenn ein System voraussetzt, dass ein Mensch jeden Dienstag identisch funktioniert, erzeugt es systematisch Instabilität. Denn jede Abweichung – Krankheit, ein Kind mit Fieber, eine schlechte Nacht, eine kreative Tiefphase, ein Konflikt, ein politisches Weltbeben vor dem Frühstück – sorgt in einem linearen System für Fehler.
Linearität bestraft Realität. Sie setzt Menschen unter Druck, gleichförmig zu sein, obwohl sie es nicht können. So entstehen Überlastung, Schuldgefühle, heimliche Überstunden, Ausfälle und der stille Rückzug ins Minimum.
Das Problem ist also nicht, dass Menschen unzuverlässig wären. Das Problem ist, dass lineare Systeme Unzuverlässigkeit erzeugen, weil sie menschliche Schwankung nicht mitdenken. Wer Menschen zum tragenden Akteur macht, muss Systeme bauen, die menschliche Realität tragen können.
Alles andere produziert Verschleiß.
Also? Was Menschen wirklich brauchen, um nicht auszubrennen.
Was brauchen Menschen wirklich.
Keine Härte (Hallo, Herr Merz!) . Keine weiteren Mindset-Mantras. Und ganz sicher keine Selbstoptimierung, die sie noch tiefer in den Strudel aus Leistung und Erschöpfung zieht.
Die wichtigste Ressource, die Unternehmen heute schützen müssen, ist nicht die Zeit, sondern das Nervensystem ihrer Mitarbeitenden.
Wie Organisationen sich verändern müssen, um in Zukunft zu bestehen
Organisationen, die langfristig leistungsfähig bleiben wollen, müssen ihre Architektur neu denken. Es reicht nicht mehr, alte Modelle schneller zu bespielen. Die Zukunft gehört Systemen, die menschliche Realität einkalkulieren und produktive Bedingungen schaffen.
1. Zirkularität als strukturelles Prinzip
Zirkularität ist kein Trend, sondern die Grundlage für Stabilität. Sie greift auf drei Ebenen: im Individuum, im Team und in der gesamten Organisation.
Individuell bedeutet Zirkularität, dass Menschen nicht durchgängig im Output-Modus gehalten werden, sondern Belastung, Entlastung, Integration und Lernphasen bewusst eingeplant sind. Keine symbolischen Pausen, sondern echte Regeneration, die im System vorgesehen ist.
Im Team bedeutet Zirkularität, dass Verantwortung, Wissen und Prozesse nicht an einzelnen Personen hängen. Rollen werden nicht enger gebaut, sondern breiter. Aufgaben können wandern, ohne dass Projekte ins Stocken geraten. Teams werden dadurch widerstandsfähiger, kollaborativer, intelligenter. Ein Ausfall führt nicht mehr zu Stillstand, sondern zu Umverteilung. So entsteht Kontinuität, ohne Menschen zu überlasten.
Organisational bedeutet Zirkularität, dass Projekte Zyklen durchlaufen und nicht einfach hintereinander gestapelt werden. Es gibt Phasen der Vertiefung, der Integration, der Auswertung und der Anpassung. Eine Organisation, die Ergebnisse ernst nimmt, baut Reflexion ein, statt sie an den Rand zu drücken. Sie plant Quartale unter ehrlicher Berücksichtigung menschlicher Unzuverlässigkeit: saisonal, persönlich und biologisch.
Zirkularität macht Systeme widerstandsfähig und verhindert, dass die Menschlichkeit einzelner zur Lähmung vieler führt. Und sie sorgt dafür, dass Leistung nicht erzwungen, sondern ermöglicht wird.
2. Raum für Großartigkeit schaffen
Innovation, Wirkung und Qualität entstehen nicht im Takt eines Produktionsbandes. Dafür braucht es Arbeitsmodelle, die Denken, Lernen und Kreativität nicht als „Zeitfresser“ betrachten, sondern als Kernbestandteile moderner Wertschöpfung.
Das beginnt bei Jobprofilen. Aufgaben, deren Output nicht seriell messbar ist – Strategie, Kreation, Kommunikation, Forschung, Entwicklung – brauchen qualitative Bewertung, nicht künstlich konstruierte KPIs. Eine brillante Idee lässt sich nicht in Stückzahlen abbilden. Ein guter Text entsteht nicht schneller, wenn man die Uhr daneben legt. Organizational Excellence entsteht dort, wo Arbeit nicht in quantitativen Mikroeinheiten zerstückelt wird.
Großartigkeit braucht Räume. Das heißt Lernzeiten, Explorationszeiten, Atemräume. Das heißt auch: Führung, die Klarheit schafft, statt Störung zu verursachen. Führung, die Orientierung gibt, statt in Hektik zu verfallen. Und Führung, die Menschen nicht durch Kontrolle lenkt, sondern durch Stabilisierung. Und die Art zu Führen fängt ganz ganz oben an, sonst leidet nur das Mittelmanagement.
Wenn eine Organisation Qualität wirklich will, muss sie Bedingungen schaffen, unter denen Qualität möglich ist. Die Fähigkeit zu denken, zu beobachten, Zusammenhänge zu erkennen und mutige Entscheidungen zu treffen entsteht nicht in Kontexten permanenter Taktung, sondern in Kontexten, die Tiefe erlauben. Es ist die Grundlage für Innovation, Differenzierung und Relevanz.
Zukunftsfähigkeit entsteht dort, wo Systeme beweglich sind – und Menschen groß werden dürfen.
Und wir als Individuen? Selbstführung statt Selbstoptimierung
Und wir als Menschen?
Ja, wir tragen Verantwortung. Für unsere Arbeit, für unsere Entscheidungen und für unser eigenes Nervensystem. Aber diese Verantwortung beginnt nicht damit, sich noch weiter zu optimieren, noch effizienter zu werden oder sich selbst an die Grenzen zu treiben, um endlich in ein lautes, schnelles System hineinzupassen. Selbstführung ist das Gegenteil davon.
Selbstführung bedeutet, den eigenen Zustand überhaupt zu bemerken. Viele Menschen merken erst, dass sie überlastet sind, wenn der Körper längst dichtmacht. Dabei beginnt Selbstführung genau in dem Moment, in dem man spürt, dass etwas eng wird, dass der Kopf schärfer reagiert als nötig oder dass Konzentration und Klarheit nachlassen. Wer das früh erkennt, kann handeln, bevor etwas kippt.
Selbstführung bedeutet auch, Grenzen so zu setzen, dass man handlungsfähig bleibt. Ein Satz wie „Ich kann das übernehmen, aber nicht heute“ ist kein Affront und keine Faulheit, sondern eine Orientierung für alle Beteiligten. Grenzen halten Menschen funktionsfähig, Teams stabil und Arbeit planbar. Sie verhindern, dass jemand zu lange stillhält und dann plötzlich komplett ausfällt.
Ein weiterer Teil der Selbstführung ist die Fähigkeit, bei sich zu bleiben, wenn andere neben uns emotional entgleisen. Der Satz „Du darfst genervt sein, und ich darf ruhig bleiben“ ist bspw. ein sehr konkretes Werkzeug der Selbstregulation. Emotionale Stabilität bedeutet nicht Gleichgültigkeit. Sie bedeutet, nicht jede Stimmung zu übernehmen, die einem vor die Füße fällt.
Hier kann Coaching eine enorme Rolle spielen. Als Raum, in dem Menschen lernen, ihre Muster zu erkennen, ihre Reaktionen zu verstehen und ihre Handlungsfähigkeit zurückzuerobern. Selbstführung ist erlernbar, und Coaching bietet die Struktur, um genau das zu trainieren.
Und ja, die Arbeit ist wichtig. Sie ernährt uns, sie berührt unser Selbstbild und unsere Verantwortung anderen gegenüber. Aber Verantwortung bedeutet nicht, alles auszuhalten, was einem zugemutet wird. Verantwortung bedeutet, bewusst zu handeln und sich selbst dabei nicht zu verlieren.
Selbstführung ersetzt keine guten Strukturen. Aber ohne Selbstführung kann niemand konstruktiv an besseren Strukturen mitarbeiten. Zukunftsfähige Organisationen entstehen dort, wo Systeme und Individuen gemeinsam lernen, regulieren und Verantwortung tragen.
Fazit: Zukunft entsteht dort, wo Arbeit wieder menschlich wird
Organisationen, die weiter auf Tempo, Dauerverfügbarkeit und lineare Leistung setzen, verlieren zuerst ihre Menschen und danach ihre Zukunft. Wer bestehen will, braucht Strukturen, die Stabilität schaffen, klare Prioritäten ermöglichen und Erholung nicht als Luxus behandeln. Führung muss regulieren können. Teams brauchen Orientierung. Individuen brauchen Selbstführung statt Selbstausbeutung.
Menschliche Arbeitskultur ist kein Wellness-Zusatz. Sie ist die Voraussetzung für Qualität, Innovation und langfristige Leistungsfähigkeit. Unternehmen, die das begreifen, gewinnen Stabilität und Klarheit. Und vor allem gewinnen sie Menschen, die bleiben, statt zu brennen.
Wenn Arbeit wieder mit der Realität des Menschen zusammenpasst, entsteht Zukunft. Alles andere ist Verschleiß.
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